Heilbronner Stimme 15.12.2017, Autor: Sebastian Roßnagel

Konflikte lösen statt Bestrafung

Schüler des Herzog-Christoph-Gymnasiums werden zu zertifizierten Streitschlichtern ausgebildet

BEILSTEIN Im Sitzen, Rücken an Rücken, geben sie sich gegenseitig Anweisungen, 21 Schüler des Beilsteiner Herzog-Christoph-Gymnasiums aus den achten, neunten und zehnten Klassen. Sie lassen sich zu Streitschlichtern ausbilden. Aufgabe ist es, zu verstehen, wie Konflikte verlaufen und entstehen. Hierbei lernen die Jugendlichen wichtige Grundlagen der Kommunikation. Diese sollen ihnen helfen, die beteiligten Konfliktparteien besser zu verstehen und diese gerecht zu behandeln.

Ursprung „Beide Seiten haben einen begründeten Standpunkt“, betont Schulsozialarbeiterin Kerstin Strohl. Sie hat das Projekt aufgebaut und betreut es zum dritten Mal. Ins Leben gerufen hat sie die Initiative, als sie bemerkte, dass Schüler der fünften und sechsten Klasse Ärger machten. Mit den Konflikten seien die Lehrer überfordert gewesen.

Die Klassen nominieren die Streitschlichter. Mit diesen versucht die Schulsozialarbeiterin, eine Diskussionskultur zu fördern. Hierbei fällt den Streitschlichtern die Aufgabe des Moderators zu: Beide Seiten sollen verstanden werden. Ein neutraler Außenstehender vermittelt, ohne im eigenen Interesse zu handeln. Somit verhindert dieser eine Eskalation und fördert eine vernünftige Diskussion.

Ben Gehringer aus der neunten Klasse merkt an: „Ich denke, das ist besser, als den Konflikt mit einem Lehrer zu klären. Man hat ein vertrauteres Gefühl, wenn man mit einem Schüler spricht.“ Auch könne ein Schüler mehr Verständnis für die Sorgen und Probleme der Mitschüler zeigen als zum Beispiel der Lehrer. „Den Mitschüler nimmt man eher ernst als den Lehrer“ fügt Gehringer hinzu.

Sein Klassenkamerad Erasmus Herbey hält die Privatsphäre für besonders wertvoll, „Wenn ich jetzt mit meinem Lehrer einen Streit schlichten würde, dann hätte ich das Gefühl, dass er denkt, ich hätte etwas angestellt.“ So blieben Konflikte eine private Angelegenheit, die nicht das Schulleben beeinflussten. Streitschlichter arbeiten ohne Strafen. Hierin sieht die Zehntklässlerin Leonie Bauer einen großen Vorteil. „Bei den Lehrern gibt es schnell mal Strafarbeiten“, meint sie. So werde der Konflikt nicht gelöst, sondern nur dessen Auswirkung unterdrückt. Das Problem bleibe, und die Schüler lernten aus dem Streit nichts. Von den Streitschlichtern sollen sie trainiert werden, ihr Gegenüber besser zu verstehen, erklärt die Schulsozialarbeiterin. Dadurch sollen Diskussionen nicht mehr eskalieren.

Um die Schüler optimal vorzubereiten, üben diese auch in Rollenspielen den korrekten Umgang mit der vorhandenen Spannung und deren langsamen Abbau. Sie lernen, wie viele Möglichkeiten es zur Fehlinterpretation gibt, indem sie versuchen, einander die genaue Position mehrerer Blätter zu beschreiben. Somit werden sie geschult, sich präzise und eindeutig auszudrücken. Sie werden auch für die Mehrdeutigkeit ihrer Äußerungen sensibilisiert. Kerstin Strohl betont, dass die Streitschlichter den Lehrern damit Arbeit abnehmen können.

Unterstützung Dieser Langzeiteffekt ist eine Grundlage des gemeinsamen Lebens, weshalb Trainerin Maria Holm besonders froh ist, dass dieses Projekt vom Förderverein des Gymnasiums und dem Heidelberger Institut ermöglicht wird. „Das Gefühl, an der Basis mitgearbeitet zu haben, ist etwas Besonderes“, bekräftigt sie. So ist es ihr und Andreas Meinhold möglich, die Jugendlichen auszubilden, wofür diese ein Zertifikat erhalten. Dieses macht sich auch gut bei den späteren Bewerbungen.

Treffen wie dieses werden, bekocht durch den Gasthof Rössle aus Ilsfeld, die Streitschlichter auch noch ins nächste Jahr begleiten.